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Mai

Erlernte Hilflosigkeit, NEUE Vorarlberger Tageszeitung

Ein Plädoyer fürs Essen, Andrea Milstein, 7.5.2016,

Niemand bestreitet, dass Spezialisierung in unserem Zeitalter eine gewichtige soziale und wirtschaftliche Bedeutung zukommt. Andererseits schwächt sie den Einzelnen, führt zu Hilflosigkeit, Abhängigkeit und Ignoranz und tendiert dazu, uns aus der Eigenverantwortung zu entlassen. Wir delegieren einen Grossteil unserer Wünsche und Bedürfnisse an Spezialisten und eine Industrie, die nur allzu willig ist, die Fülle ihres Angebotes kontinuierlich den vermeintlichen Kundenwünschen anzupassen. So verwischen sich die Verbindungslinien zum Ursprung und damit die Auswirkungen unserer Verhaltensweise auf Gesundheit und Umwelt. Zudem erspart man sich unbequeme Gedanken darüber, dass die Pommes auf dem Teller wahrscheinlich aus einer Kartoffel Monokultur stammen, das danebenliegende Schnitzel vermutlich aus einer Massentierzucht kommt und die gesundheitlichen Folgen einer derartigen Diät in spätestens ein paar Jahren absehbar sind.

Mahlzeiten selber zubereiten mit Zutaten die man selber aussucht, ermöglicht an dieser Stelle ein wichtiges Korrektiv, ein Korrektiv, dass uns allen zur Verfügung steht. Wer nicht in der Lage ist Gemüse selbst anzubauen, ist zumindest in der Lage es selber auszusuchen. Vor diesem Hintergrund erscheint Umweltschutz plötzlich in einem anderen Licht, nämlich viel näher am Einzelnen, als allgemein vermutet. Die Umweltkrise von der so oft gesprochen wird, ist eine Verhaltenskrise, die jeder Einzelne mit seinen täglichen Entscheidungen mit-verursacht. Das grosse Problem ist nichts anderes, als die vielen kleinen unüberlegten Entscheidungen, die sich im Laufe eines Tages, einer Woche, eines Lebens anhäufen. Das in Plastikfolie eingeschweisste Brot aus dem Supermarkt anstelle des Brotes vom Bäcker, der auf Backmischungen verzichtet und Getreide aus der Region verwendet (von dieser Gattung existieren in Vorarlberg wesentlich mehr als vermutet). Milch aus dem Tetra Pack, obwohl frische Rohmilch, mit all ihren erwiesenen Vorteilen, von Landwirten landauf und landab, praktisch und rund um die Uhr, in gekühlten Milchautomaten zur Verfügung gestellt wird (wieder verwendbares Gefäss erwünscht). Eier vom Discounter, obwohl der Nährwert von Eiern von Hühnern mit Zugang zu Tageslicht und einem Hinterhof zum scharren, um ein vielfaches höher ist (Hofläden und Hobby-Hühnerhalter mit Eierüberschuss gibt’s in fast jeder Gemeinde).

Der Zugang zu sauberen, unverfälschten und umweltverträglichen Lebensmitteln ist in unserem Bundesland heute einfacher als jemals zuvor. Nur tun muss man’s.

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