loading
13
Jun

Zivilisation und Kochen

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sein Essen vor dem Verzehren kocht. Tiere haben ein Gedächtnis, können Situationen abschätzen, und sind uns in gewissen Bereichen ähnlich oder sogar überlegen. Was aber kein Tier beherrscht, ist das Kochen.

Die Entdeckung des kontrollierten Feuers liegt mindestens 400.000 Jahre zurück und stattete unsere Vorfahren mit bis dahin ungeahnten Möglichkeiten aus. Wenn man bedenkt, dass unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, einen grossen Teil ihrer wachen Stunden mit Nahrung sammeln und kauen verbringen, kann man sich in etwa ausrechnen, welchen Beitrag das Kochen in unserer Evolution zum Menschen geleistet hat. Kochen ist nichts anderes als eine Vor-Aufspaltung gewisser Nährstoffe, die ohne Hitzeeinwirkung nicht, oder nur schwer, vom menschlichen Körper aufgenommen werden können. Also eine Art von Vorverdauung, die wesentlich zur Vergrösserung unseres Hirns (und Verkürzung unseres Darms) beigetragen hat. Weniger Arbeit im Verdauungstrakt bedeutete, dass mehr Energie für das Steuerungszentrum zur Verfügung stand.

Ein Stück Fleisch über Feuer gebraten schmeckte nicht nur unvergleichlich besser, sondern war auch in wesentlich kürzerer Zeit verzehrt, was zusätzlichen Raum für Aktivitäten ausserhalb der Essensbeschaffung schuf. Anstatt wie früher, das Gesammelte im Alleingang sofort zu vertilgen, bot sich von nun an die Möglichkeit, gejagte und gesammelte Schätze gemeinschaftlich zuzubereiten und beim Essen zu teilen. Allgemein wird dies als Beginn der Zivilisation des Menschen betrachtet.

Da müsste es uns eigentlich bedenklich stimmen, wenn Sozialforscher melden, dass der gemeinsame Tisch heutzutage in vielen Familien den Status eines Reliktes angenommen hat. Jeder holt sich aus Kühlschrank oder Tiefkühlfach wonach es ihm gerade beliebt, unterzieht die jeweilige Beute einem Kurzaufenthalt in Mikrowelle oder Backofen und verzehrt sie dann, meist solitär, in irgendeiner Ecke der gemeinsamen Wohnung. Verhaltensgestörte Kinder, unkommunikative Jugendliche, bockige Partner, sie alle könnten vom regelmässigen Essen am gemeinsamen Tisch unendlich profitieren. Gemeinsam Kochen und Essen verbindet und ist für die meisten Menschen positiv besetzt. Es wäre doch jammerschade, eine uns sich täglich bietende Möglichkeit der Zivilisierung so einfach zu ignorieren.

 

Top